Niedersachsen – Landesgeschichte in historischen Karten entdecken

Niedersachsen ist kein seit Jahrhunderten gewachsenes Staatsgebilde, sondern ein 75Jahre junges Bundesland, ein Ergebnis der politischen Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch blicken die Regionen des heutigen Niedersachsens auf eine lange Geschichte zurück. Dabei haben sich die Territiorien in diesem Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation immer wieder verschoben, verbunden, neu gefunden. Auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsens gab es eigenständige Gebiete wie das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, das Herzogtum Oldenburg, das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, die Grafschaft Bentheim, das Fürstentum Ostfriesland, die Grafschaft Schaumburg-Lippe, die Grafschaft Pyrmont, das Hochstift Osnabrück oder das Fürstbistum Hildesheim. Die dynastischen und historischen Verknüpfungen waren komplex: Die das niedersächsische Gebiet dominierenden Welfen residierten infolge von mehreren Erbteilungen in unterschiedlichen Linien vor allem in Braunschweig und Wolfenbüttel. Das welfische Territorium dehnte sich mit der Zeit auf das Elbe-Weser-Dreieck, Südniedersachsen, das Emsland und Ostfriesland aus und umfasste schließlich den Großteil des heutigen Bundeslandes Niedersachsen. Trotz all dieser Kleinstaaterei war Niedersachsen stets international: Das Haus Oldenburg stellte die Königslinie in Dänemark, Wolfenbüttels Anna Amalia wurde durch Heirat Herzogin von Sachsen-Weimar und Eisenach, die hannoverschen Welfen regierten das Kurfürstentum Hannover und Großbritannien in Personalunion.

Historische Karten sind eine der Quellengattungen, durch die man die Geschichte im Gebiet des heutigen Niedersachsen nachvollziehen kann. In ihnen werden große wie kleine Territorien und Grenzverläufe dokumentiert, Schlachten festgehalten, Verkehrsverbindungen und Formen der frühneuzeitlichen Wirtschaft dargestellt. Neben der Herrschafts- und Territorialgeschichte gewähren Karten Einblicke in die Sozial- und Kulturgeschichte der frühen Neuzeit ebenso wie in die Versuche, durch manipulative Kartenbilder die historische oder politische Wirklichkeit zu beeinflussen.

Karten sind scheinbar leicht lesbar: Wer immer vor einer alten Karte steht, kann darin etwas finden, einen Bezugspunkt zur Geschichte ausmachen, vielleicht frühe Siedlungs- oder Grenzverläufe der eigenen Heimat erkennen oder die Katastrophen der Zeit mit Schrecken sehen, wenn die Deiche der Küste brachen. Karten sind die Schaufenster der Geschichte.

Historische Karten und ihre Sammlungen bilden das Wissen über den niedersächsischen Raum, aber auch das frühneuzeitliche Wissen über die Welt im Zeitalter der Entdeckungsfahrten ab. Neben umfangreichen Beständen zu den niedersächsischen Landesteilten liegen in den Sammlungen auch vielfältige Karten zu unterschiedlichen Teilen der Welt vor. Sie spiegeln das Interesse ihrer Sammler: Leibniz besprach mit dem Zar Möglichkeiten einer Kamtschatkaexpedition, das oldenburgische Haus hatte starke dynastische Verbindungen nach Griechenland und in Wolfenbüttel versuchte man, den gesamten Wissens- und Weltkosmos einschließlich geographischer und kartographischer Quellen nach dem Ideal einer Universalbibliothek zu vereinen. Die Idee der drei niedersächsischen Landesbibliotheken, in einem gemeinsamen Projekt ihre Kartenblätter zu erschließen und zu digitalisieren, hat viele gute Gründe. Mit Förderung des niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur wurden an den Standorten Oldenburg, Wolfenbüttel und Hannover die Archivschränke geöffnet, die Karten hervorgeholt und in IKAR, der Altkartendatenbank, erschlossen und anschließend digitalisiert. Die Digitalisate sind in den digitalen Sammlungen der beteiligten Häuser zugänglich. Durch Katalogrecherchen in IKAR können sie gefunden und virtuell genutzt werden. Alle digitalen Sammlungen werden die Karten zusätzlich als IIIF-Manifestation anbieten, so dass sie leicht in digitale Tools wie Mirador geladen, verglichen und erforscht werden können. Darüber hinaus lag ein Anliegen von Beginn des Projektes auf der Zusammenführung und Präsentation der Kartenbestände im Kartenspeicher des GBV. In Zusammenarbeit mit der Verbundzentrale Göttingen haben die drei Landesbibliotheken ein Konzept zur Weiterentwicklung des Kartenspeichers erarbeitet, das der Komplexität ihrer Metadaten gerecht wird und den Nutzer:innen einen komfortablen Sucheinstieg in die Welt der Karten gibt. Da die Karten bei der Erschließung geolokalisiert, also mit Koordinaten versehen werden, können sie im Kartenspeicher auf intuitive Weise mittels einer Übersichtskarte ausfindig gemacht werden. Diese graphische Recherche wird durch eine aus herkömmlichen Datenbanken und Suchmaschinen bekannte verbale Suche ergänzt; zudem gibt es gezielte Einstiege für die Suche nach Personen, Zeiträumen und Maßstäben. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Blogbeitrags ist dieser Baustein noch nicht ganz abgeschlossen: bald gibt es also spannende Neuigkeiten!

Bereits vor dem Projektstart im Jahr 2019 haben sich die Landesbibliotheken jeweils mit ihren Kartensammlungen befasst. Im Jahr 2012 erhielt die Herzog August Bibliothek eine umfangreiche Schenkung von 400 Karten Griechenlands und des östlichen Mittelmeers. Sechs Jahre später erwarb die Landesbibliothek Oldenburg dank der Förderung des MWK und der Landessparkasse zu Oldenburg die 329 Karten umfassende Sammlung des Oldenburger Arztes Dr. Lutz Albers. 2017 bis 2018 konnte die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek durch Förderung des MWK und der VGH Stiftung ihre Altkartenblätter erschließen und in Teilen digitalisieren.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ dieser Sinnspruch gilt auch für die Digitalisierung verteilt liegender historischer Bestände: Erstmals haben alle drei Bibliotheken kooperativ einen Bestand erschlossen und digitalisiert. Der dabei entstandene fachliche Austausch, die Synergieeffekte auf Ebene der Bearbeitung, die gegenseitige Stärkung durch je eigene eingebrachte Kompetenzen und die vorzüglichen historischen Quellen sind der Auftakt für eine ‚Verteilte Digitale Landesbibliothek‘. Dabei haben sich alle drei Partner dem Grundsatz der offenen Nachnutzung der im Projekt entstandenen Daten und Digitalisate verpflichtet und ihre Metadaten und Digitalisate unter CC-Lizenzen oder Public Domain für eine möglichst forschungsnahe und rechtlich unkomplizierte Nachnutzung lizensiert.

Bei all dem Staunen, das Karten angesichts ihrer Ästhetik hervorrufen, und trotz ihrer scheinbaren Unmittelbarkeit bedürfen Karten einer Kontextualisierung. Sie sind nicht nur Abbilder eines Ausschnitts der Welt, sondern auch Kinder ihrer Zeit. Ihre Ausführung und Gestaltung hängt von den materiellen Entwicklungen und technischen Rahmenbedingungen ihrer Umgebung ab, von den vielfachen Entscheidungsmöglichkeiten bei ihrer Erstellung, aber auch vom wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext. Sie sind damit nicht frei von Vorurteilen oder Fehlern. Ihr Abbild ist nicht das Abbild dessen, was war, sondern dessen, was man für wahr gehalten hat oder für wahr gehalten wissen wollte. Insofern benötigen Karten einen Kontext, eine Einordnung, eine kleine Hilfestellung, um hinter das Geheimnis des Kartenkosmos zu gelangen. Zugleich sind sie häufig einfach „eyecatcher“, faszinierend, laden zum Rätseln ein. Grund genug, sie einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein Ergebnis dieser inhaltlichen Kontextualisierung ist die virtuelle Ausstellung Connecting Estonia and Lower Saxony anlässlich des Deutschen Frühlings Estlands, der im Jahr 2020 durch das Bundesland Niedersachsen mitorganisiert wurde. In über achtzig Karten zeigt die Ausstellung die Reisewege von Tallinn zu den drei Landesbibliotheken über Land und See. Die Ausstellung behandelt Karten des Ostseeraums, Skandinaviens, des Baltikums und der heute niedersächsischen Landesgebiete.

Im November 2021 beginnt der nächste Schritt der Öffnung der Kartensammlungen: anlässlich des 75-jährigen Landesjubiläum haben die drei Bibliotheken in Oldenburg, Hannover und Wolfenbüttel Expert*innen gebeten, einzelne Karten und Bestände auszuwählen und in ihren historischen Kontext einzuordnen. Der Blog, der zunächst bis Juni 2022 läuft, behandelt Seekarten und Stadtansichten, reist mit uns auf königlichen Reiserouten und Chausseen, zeigt uns das Celler Schloss und das brennende Stade, entführt uns in den Borgloher Kohlestollen und deckt das ganze Land Niedersachsen in seiner Vielfalt von den Ostfriesischen Inseln bis zum Harz ab. Die Beiträge zum Landesjubiläum verweisen auf die einzigartige Kulturgeschichte der letzten fünf Jahrhunderte, auf die die Regionen des größten norddeutschen Bundeslandes zurückblicken. Wir wünschen uns, dass das Kartenportal und der Blog zum Landesjubliäum Ihr Interesse findet und freuen uns über Ihr Feedback. Wenn Sie möchten, senden Sie uns einen Beitrag zum Blog mit Ihren ganz persönliche Erinnerung oder Auseinandersetzung mit den Kartendigitalisaten.

 

Lizenz: CC BY SA 4.0

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