“ALDENBURG“ gleich “OLDENBURG“ ? – Verwirrungen um einen Namen

Alte Darstellungen der gräflichen Residenz Oldenburg finden sich in den alten Chroniken, zum ersten Mal in der von Hermann Hamelmann: „OLDENBURGISCH CHRONICON“, aus dem Jahre 1599. Der Auftraggeber, Graf Johann VII., hat direkt in die Abfassungen eingegriffen und Korrekturen in seinem Sinne durchgesetzt, so auch bei der ersten Abbildung.

In dieser Chronik ist eine sehr schöne „Ansicht aus der Vogelschau“ (spez. Grundriss) der Stadt enthalten, die in ihrer Qualität europäischen Spitzenrang beanspruchen konnte. Sie stammt von dem Niederländer Pieter Bast, geboren um 1570 in Antwerpen. Von ihm sind erhalten entsprechende Arbeiten von Amsterdam, Leeuwarden und Emden.

Daneben hat Bast auch noch eine „Ansicht der Stadt Oldenburg von Osten“ geschaffen (Abb. 1), die aber keine Billigung durch den gräflichen Hof fand und durch eine entsprechende Ansicht des Oldenburgischen Hauptmann Schaffer ersetzt worden ist (Abb. 2).[i]

Abb. 1 Pieter Bast, „Oldenburch – 1598“, Kst., Ansicht von NO. In: Hamelmann, Hermann: Oldenburgisch Chronicon. Faks., Oldenburg, 1983.

Der dargestellten Stadt ermangelte es gewissermaßen an einem städtischen Charakter. Lediglich vier Gebäude überragen den Baumbestand und sind zu bestimmen. Eigentlich war die Silhouette korrekt wiedergegeben, und bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hat sie auch keine wesentlichen Veränderungen erfahren.

Dem Oldenburgischen Hauptmann Schaffer gelang es trotzdem, die „vertikale Dimension“ der Stadt stärker herauszustellen. Er ging mit seinem Betrachtungsstandpunkt deutlich näher an die Stadt heran. Zusätzlich „entfachte“ er in zahlreichen Häusern jeweils ein ordentliches Feuer, womit eine entsprechende Anzahl von Rauchsäulen geschaffen wurde.

Abb. 2 Johannes Schaffer, Hans Maes (?), „OLDENBURG“, Ansicht von NO, Holzschn. In: Hamelmann, Hermann: Oldenburgisch Chronicon, Oldenburg, 1599. Landesbibliothek Oldenburg.

Dies waren wohl die ersten Abbildungen der gräflichen Stadt Oldenburg, die vor Ort entstanden sind. Wie aber waren die Beschreibungen und Darstellungen der Stadt von „fremder Hand“? War Oldenburg bedeutend genug, um eine Würdigung oder wenigstens eine Erwähnung zu erhalten in den überregionalen Werken?

1528 hatte der Professor für die hebräische Sprache an der Universität Basel, Sebastian Münster, alle ihm namentlich bekannten „Standespersonen, Gelehrte und Künstler“ mit der Bitte kontaktiert, sie möchten ihm Beschreibungen und Abbildungen ihrer Städte und Länder zusenden. Er wolle mit ihnen „die verborgen zierung … unser gemeyn teütsch vatterlandt … an tag brengen“. Damit könne man bei späteren Generationen „eyn ewig lob unn gedechtnus erkriegen“.

Abb. 3 Sebastian Münster auf dem 100 DM-Schein

Sein bekanntestes und umfangreichstes Werk, die „COSMOGRAPHIA“ (Weltbeschreibung) erschien 1550 in Basel und wurde danach noch mehr als dreißigmal neu aufgelegt. In einer schmaleren Vorab-Ausgabe von 1545 war bereits eine Bemerkung zu „ALDENBURG“ enthalten. Sie ist allerdings ziemlich kurios geraten und belegt die Berechtigung seiner Klage, man habe ihm aus Norddeutschland nur so wenige Unterlagen zukommen lassen, obwohl es auch dort schöne Städte gäbe:

Abb. 4 Textauszug aus Sebastian Münsters Weltbeschreibung von 1545. Landesbibliothek Oldenburg.

In der eigentlichen Erstausgabe von 1550, die sowohl auf Deutsch als auch in lateinischer Sprache erschienen ist, brachte Münster dann die Korrektur. Er wandte sich direkt an den Leser, in dem er darauf hinwies, dass es zwei Städte gleichen Namens gäbe.

Abb. 5a und 5b Text-Auszüge aus Sebastian Münsters Weltbeschreibung von 1550. Landesbibliothek Oldenburg.

Mit der Bezeichnung des westlichen Oldenburg „in Frießland“ lag er zwar auch nicht ganz richtig, aber der fünf Jahre zurückliegende Fehler war korrigiert. Die weitere Beschreibung der „mächtigen Grafschaft“ im Westen geriet nur spärlich. Immerhin wies er darauf hin, dass die Herzöge von Holstein und die Könige von Dänemark von diesem Grafengeschlecht abstammen. Von den angeblich vielen Schlössern benannte er Apen, Ovelgönne und Westerburg. Bei dieser dürftigen Beschreibung der Grafschaft ist es dann auch bis zur letzten Auflage im Jahre 1628 geblieben.

Das andere Aldenburg wird hingegen in allen Ausgaben der Cosmographia deutlich hervorgehoben, mit dem Hinweis, dass dort unter Kaiser Otto I. ein Bischofsitz gegründet worden sei. Der wurde zwar recht bald nach Lübeck verlegt, aber das „Aldenburg in Holsatz“ behielt noch lange einen höheren Bekanntheitsgrad als dasjenige „bey Bremen“.

1578 erschien eine neue Ausgabe der „Cosmographey“, und die zeichnete sich durch eine große Anzahl neuer Abbildungen aus. Die Weltbeschreibung erschien nur noch in deutscher Sprache und alle Abbildungen waren weiterhin in der traditionellen Form des Holzschnitts erstellt. Sebastian Münster war längst verstorben, aber „die Henripetrinischen“ – die Mitarbeiter von Verlag und Druckerei Heinrich Petri in Basel – bezeugten ihrem großen Meister noch mit jeder Ausgabe ihre Wertschätzung.

Unter den neuen Abbildungen befand sich auch eine Ansicht von „ALDENBURG“ in Ergänzung des alten Textes. Dabei handelt es sich nicht um eine eigene Neuschöpfung, sondern um eine Übertragung aus einem wenige Jahre zuvor erschienen epochalen Werk, dem “Städtebuch“ von Braun und Hogenberg (s. u.).

Abb. 6a und 6 b: Aldenburg aus Münsters COSMOGRAPHEY, ab1578. Landesbibliothek Oldenburg.

Die Darstellung von „ALDENBURGUM“ ist bereits im ersten Band der „CIVITATES ORBIS TERRARUM“ im Mal 1572 erschienen. Die Wiedergabe ist wie bei allen Stadtansichten und Grundrissen dieses Werkes in Form eines Kupferstichs erfolgt – in diesem Fall auf einer Seite gemeinsam mit den Darstellungen von Braunschweig, Lüneburg und Bremen (Abb. 7).

Abb. 7 Die Städte Braunschweig, Lüneburg, Bremen und „ALDENBURGUM“ aus dem Städtebuch von Braun und Hogenberg, 1572. Landesbibliothek Oldenburg.

Der herausragende Graphiker des letzten Viertel des 16. Jahrhunderts, Franz Hogenberg, war wegen der Unruhen in den Niederlanden nach Köln ausgewichen und hatte in dem Domherrn Georg Braun einen idealen Partner für Herausgabe dieses großen Werkes gefunden.

Abb. 8 Braun, Hogenberg: ALDENBURGUM, 1572, Kst. Landesbibliothek Oldenburg

Der Städte-Atlas erfuhr wiederholt Ergänzungen. Die letzte Ausgabe erschien im Jahre 1618. Da lebte Franz Hogenberg schon lange nicht mehr, und sein Sohn Abraham hatte die Arbeit fortgesetzt. Gregor Braun aber wurde achtzig Jahre alt und hat alle Ausgaben editiert.

Den Autoren war 1572 ein kapitaler Fehler unterlaufen: Die Darstellung von ALDENBURGUM zeigt weder das holsteinische Oldenburg noch das „bey Bremen“. Es handelt sich um eine Ansicht der Stadt Stade. Der Betrachter blickt von Westen auf die Stadt. Die große Anzahl von See-Schiffen geben den Hinweis auf den Hafen mit Zugang zur Elbe. Die markanten und so unterschiedlichen Kirchtürme von St. Willehadi und St. Cosmae sind auch heute noch die besonderen Merkmale der Stadt-Silhouette.

Abb. 9a und 9b    Stade – St. Wilhadi und St. Cosmae. Postkarten um 1900

Diese Verwechselung der Stadtansichten hatte nicht nur lange Bestand, sondern sie erlebte sogar noch eine Steigerung. Im Jahre 1595 brachte der Italiener Francesco Valegio in Venedig ein kleines Buch heraus, das er „RACCOLTA DI LE PIU ILLUSTRI ET FAMOSE CITTA DI TUTTO IL MONDO“ nannte (Bericht von den ansehnlichsten und berühmtesten Städten der ganzen Welt). Der Autor nahm die Ansicht von Altenburg – Stade zur Grundlage, fügte noch ein paar Kirchtürme hinzu und nannte sein Geschöpf „LUNEBURGUM, die edle sächsische Salz-Stadt“. Lüneburg erhielt so plötzlich einen Seehafen. In dieser Form tauchte die edle Stadt in weiteren Publikationen auf (Abb. 10), so 1613 bei Varea in Padua.

Abb. 10 LUNEBURGUM. Aus: Francesco Valegio: Raccolta, 1595. UB Heidelberg.

Valegio muss irgendwann festgestellt haben, dass ihm damit die bekannte Darstellung von „ALDENBURG“ nicht mehr zur Verfügung stand. Er löste das Problem dadurch, dass er eine neue Stadt-Silhouette erfand. Wahrscheinlich hat er eine weitere Stadtansicht zu Hilfe genommen. Zur Klarstellung fügte er den Namenszusatz „Holsatie“ hinzu. Einen Hafen besaß Aldenburg nun nicht mehr, dafür gab es einen markanten Hügel mit einer Festung darauf, vermutlich die höchste Erhebung im Herzogtum Holstein (Abb. 11).

Abb. 11 ALDENBURG aus Valegio: Raccolta, 1595. UB Heidelberg.

Damit war das Verwirrspiel aber keineswegs zu Ende. Valegio hatte offensichtlich die COSMOGRAPHIA des Sebastian Münster studiert und erfahren, dass es zwei Städte des Namens „Aldenburg“ geben würde. Folglich schuf er eine weitere Ansicht und nannte sie „OLDENBORGH“. Hierbei bildete die Ansicht von Stade wieder die Grundlage. Er fügte einen Text hinzu, wie er es auch bei anderen Stadtansichten getan hatte. Damit klärte er beispielsweise darüber auf, dass das holsteinische Oldenburg früher einen Hafen gehabt habe (Abb. 12).

Im Jahre 1611 verstarb Valegio. Seine Drucke wurden fleißig kopiert und auch häufig in Texte eingefügt. Sie waren nicht sehr kompliziert und konnten leicht „abgekupfert“ werden. Hervor tat sich in Padua ein Lasor a Varea, der bereits 1613 eine eigene Sammlung herausgab.

Abb. 12 OLDENBURGH aus Valegio: Raccolta, 1595. UB Heidelberg

Im Jahre 1623 begann Daniel Meisner in Frankfurt am Main damit, sein „Politisches Schatzkästlein“ („Thesaurus Philopoliticus“) herauszugeben. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Abbildungen bekannter Städte, die mit je einem Sinnspruch in deutscher und lateinischer Sprache versehen sind. Nachdem Meisner bereits 1625 gestorben war, wurde das Werk von Eberhard Kieser u. a. weitergeführt. Für die Kupferstiche wurden in den meisten Fällen auf die vorhandenen Dartstellungen Münsters oder von Braun und Hogenberg zurückgegriffen (Abb. 13).

Abb. 13 ALDENBURG aus Daniel Meisner u. Eberhard Kieser: Thesaurus Philopoliticus, 1623. ULB Düsseldorf.

Wie zweifelsfrei erkennbar, ist der Fehler aus dem Jahre 1572 auch hier noch einmal übernommen worden, mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem er zum ersten Mal aufgetreten war. Zu sehen ist wieder die Ansicht von Stade an der Nieder-Elbe. Der Sinn-Spruch erklärt den Studenten, dass sie sich bei ihren Studien keineswegs überarbeiten müssten, wenn sie morgens nur zeitig aus den Federn kämen.

Schließlich entstand dann Im Jahre 1625 doch eine ansprechende Darstellung der Stadt Oldenburg (westlich von Bremen). Sie findet sich als Detail auf der ersten Karte des Deich-Atlas von Johann Musculus. Dadurch, dass es keine Druckversion dieser Ansicht gab, blieb dieser Schatz den Zeitgenossen und auch der Nachwelt weitgehend verborgen. Was man durchaus bedauern kann.

Abb. 14 Ansicht der Stadt Oldenburg im Deichatlas von Johann Conrad Musculus, Hs., 1625. Niedersächsisches Landesarchiv Standort Oldenburg.

Vor ein paar Jahren berichtete ein Antiquar aus Süddeutschland etwas konsterniert davon, dass er einem Kunden eine Ansicht der Stadt Oldenburg verkauft habe. Dieser habe das Blatt aber zurückgesandt mit dem Hinweis, dass es sich keineswegs um eine Ansicht Oldenburgs handeln könne. Damals half der Hinweis auf den Fehler im Städtebuch von Braun und Hogenberg schon weiter, die ganze (?) Geschichte wollte aber noch aufgedeckt werden. Dass sie sich als so weitläufig erweisen würde, war nicht vorauszusehen.

Der geographische Name „Aldenburg“ hat sich lediglich für einen Stadtteil von Wilhelmshaven erhalten. Die Bezeichnung „Altenburg“ findet sich als Ortsbezeichnung in sieben Bundesländern und noch einmal in Österreich.

Nach dem Tod des Grafen Anton Günter gab es zwei Grafen von Aldenburg. Das war zunächst Anton I., illegitimer Sohn Anton Günters. Die Mutter war die Freiin Elisabeth von Ungnad. Ihre Familie stammte aus Österreich und war aus religiösen Gründen nach Norddeutschland gekommen. Anton I. war wegen seiner Herkunft kein vollwertiger Reichsgraf, immerhin unterstanden ihm direkt die „Herrlichkeiten“ Varel und Kniphausen. Bis zu seinem Tod 1680 war er zu dem Statthalter des Dänischen Königs für die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst.

Sein Sohn, Anton II., wurde erst nach dem Tod des Vaters geboren. Dessen einzige Tochter heiratete den niederländischen Grafen von Bentinck, von dem er inzwischen finanziell völlig abhängig geworden war. Bis 1854 führten die Regenten von Varel und Kniphausen noch den Doppelnamen Aldenburg – Bentinck.

[i] Die ersten Stadtansichten von Oldenburg sind ausführlich beschrieben bei: Albrecht Eckhard: Das Bild der Stadt Oldenburg in Ansichten 1307 – 1900, Oldenburg 1995; Wilhelm Gilly de Montaut im Anhang zu Faksimile-Ausgabe der Hamelmann-Chronik von 1983; Jörg Deuter: Die Illustrationen zum „Oldenburgisch Chronicon“ von 1599. In: Oldenburger Jahrbuch 99 (1999), S. 1-18. 

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