Unikale Karten des 16. Jahrhunderts in der Herzog August Bibliothek

Mehrere Karten, die im 16. Jahrhundert entweder handgezeichnet oder mit der Technik des Holzschnitts oder Kupferstichs geschaffen wurden, gelten als Stücke von herausragender Bedeutung und größter Seltenheit. Dazu zählen neben den Portulankarten auf Pergament unter anderem die Karten von Christoph Pyramius (Germania, 1547), Anton Wied (Moscovia et Alba Russia, 1555), Hieronymus Cock (Sicilia, 1553; Türkei und Persien, 1555; Polonia, 1562), Cornelis Anthonisz (Caerte von Oostland, d.h. des Ostseeraums, um 1560) und Caspar Vopel (Tractus Rhenanus, 1569; Europa, 1572; Weltkarte 1574), die allesamt jeweils nur mit dem einzigen Exemplar in Wolfenbüttel die Zeiten überdauert haben. Bei der Mehrzahl dieser Stücke handelt es sich um große Formate, die aus mehreren Einzelblättern bestehen und in der Regel zur Hängung an der Wand auf Leinen geklebt sowie an Holzstäben befestigt wurden. Aufgrund dieser Nutzung bzw. Aufbewahrung haben derartige Karten die Zeiten vielfach durch Verschleiß nicht überstanden und daher sind heute viele Ausgaben – wie die genannten Beispiele – nur in einzelnen Exemplaren erhalten.

Diese Kostbarkeiten aus dem 16. Jahrhundert sind in mehrfacher Hinsicht konstitutiv für die Bedeutung der Wolfenbütteler Kartensammlung, deren ältesten Kernbestand sie bilden. Ihre Herkunft lässt sich aufgrund eines Eintrags im Bibliothekskatalog des Liborius Otho (1613/14, Cod. Guelf. A Extrav., p. 54–55) erschließen. Der Bibliothekar verzeichnete dort den Bestand der von Herzog Julius im Jahr 1572 gegründeten Hofbibliothek, die 1618 auf Geheiß Herzog Friedrich Ulrichs fast vollständig an die Universität Helmstedt abgegeben wurde. Otho bietet im Anschluss an die Verzeichnung kosmographischer und geographischer Werke unter der Überschrift Mappae et delineationes regionum et urbium orbis terrae eine Liste von 65 Karten.

Allerdings lassen sich wegen der oftmals allzu knappen oder allgemein gehaltenen Bezeichnungen nicht alle genannten Stücke sicher identifizieren und im heutigen Bestand nachweisen. Einige Einträge Othos sind jedoch so formuliert, dass die damit gemeinten Karten eindeutig bestimmt werden können. Dazu zählt zum Beispiel die an zweiter Stelle genannte Mappa generalis in modum aquilae confecta, also eine Weltkarte in Adlerform, womit nur die von Georg Braun 1574 in Köln publizierte Weltkarte gemeint sein kann, auf der die Erdoberfläche in drei Teilen auf dem Korpus und den beiden Schwingen des mit Wappen bedeckten Reichsadlers dargestellt ist (Abb. 1).

Abbildung 1: Georg Braun, Weltkarte in Adlerform (1574), HAB: K 2,6. Lizenz: CC BY SA 4.0 Georg Braun, Weltkarte in Adlerform (1574), HAB: K 2,6. Lizenz: CC BY SA 4.0

Von den bei Otho aufgeführten Karten dürften elf unikal überlieferte im heutigen Bestand der Herzog August Bibliothek nachzuweisen sein. Sie entstanden in den Jahren zwischen 1544 und 1574 und wurden wahrscheinlich schon von Herzog Julius erworben. Zwar sind auf keiner dieser Karten Besitzvermerke zu finden, doch ist das Interesse des Herzogs an Kartographie gut belegt. Vermutlich hat er sie teilweise in seinen Studienjahren, die er unter anderem an der Universität Löwen (Leuven) verbrachte, erworben. Dort könnte er leicht Zugang zu den damals europaweit führenden Kartographen Flanderns gefunden haben, von denen der damals in Antwerpen tätige Hieronymus Cock (1518–1570) mit mehreren Stücken in der Liste vertreten ist. Dazu zählen etwa die ältesten Karten von Sizilien (1553) und Polen (1562). Während das Kartenbild Siziliens aufgrund reichlich fließender Quellen sehr detailliert ist, bleibt bei der Darstellung Polens, für das damals kaum landeskundliche Literatur zur Verfügung stand, manches im Ungefähren. Die vermeintlich ungebändigte Wildnis des Landes wird von Cock durch zwei Bären angedeutet, die links unten das Landeswappen halten.

Abbildung 2: Karte von Polen, Hieronymus Cock, 1562. Lizenz: CC BY SA 4.0 Abbildung 2: Karte von Polen, Hieronymus Cock, 1562. Lizenz: CC BY SA 4.0

Die älteste der unikal überlieferten gedruckten Karten ist die Darstellung des Mittelmeers und Europas von Nicolas de Nicolay aus dem Jahr 1544.

Abbildung 3: Seekarte von Nicolas de Nicolay, 1544. Lizenz: CC BY SA 4.0 Abbildung 3: Seekarte von Nicolas de Nicolay, 1544. Lizenz: CC BY SA 4.0

Dieser alte Kernbestand an Karten gelangte als Teil der Bibliotheca Julia im Jahr 1618 zusammen mit der herzoglichen Büchersammlung an die Universitätsbibliothek Helmstedt und wurde im dortigen Juleum aufbewahrt. Erst als Walther Ruge (1865–1943) zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die in Helmstedt aufbewahrten Kartenschätze des 16. Jahrhunderts aufmerksam gemacht hatte, richtete der Wolfenbütteler Bibliotheksleiter Gustav Milchsack (1850–1919) sein Augenmerk auf diese Karten. In mehreren Tranchen gelangten die kostbaren Landkarten sowie drei Globen zwischen 1905 und 1912 von Helmstedt nach Wolfenbüttel.

Der Kartenbestand der Herzog August Bibliothek blieb bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts unerschlossen. Die kostbaren Unikate aus dem 16. Jahrhundert bildeten den Ausgangspunkt für die fachgerechte Konservierung und Erschließung der Altkarten. In den frühen 1950er Jahren ließ Erhart Kästner (1904–1974) einige der herausragenden Stücke restaurieren und in einem neu eingerichteten Ausstellungsraum präsentieren. Zeitgleich wurde erstmals der gesamte Bestand an alten Karten systematisch geordnet und katalogisiert. Die unikal überlieferten großformatigen Wandkarten von Europa (C. Vopel, 1572) und Deutschland (Ch. Pyramius, 1547) sowie die älteste Karte des Seewegs nach Indien (P. Reinel, um 1509), eine Erwerbung Herzog Augusts, sind im Globensaal ausgestellt und faszinieren jeden Betrachter.

Mittlerweile ist die Sammlung auch in der Altkartendatenbank IKAR nachgewiesen und somit online recherchierbar. Im gemeinsamen Projekt der niedersächsischen Landesbibliotheken in Oldenburg, Hannover und Wolfenbüttel werden rund 3000 Altkarten der Herzog August Bibliothek digitalisiert und über das Internet zugänglich gemacht.

Lizenz: CC BY SA 4.0

 

Leseempfehlungen und Links:

Christian Heitzmann, Europas Weltbild in alten Karten, Wiesbaden 2006.

Arend W. Lang, Das Kartenbild der Renaissance, Wolfenbüttel 1977.

Hieronymus Cock. The Renaissance in Print, hrsg. von Joris van Grieken, Ger Luijten und Jan van der Stock, Brüssel 2013, S. 58–67 (mit Abb. von vier Karten der HAB: Savoyen, Moskau, Türkei und Persien, Sizilien).

IKAR: https://ikar.staatsbibliothek-berlin.de 

2 Kommentare zu „Unikale Karten des 16. Jahrhunderts in der Herzog August Bibliothek“

  1. Hilke Ruschmeyer

    Machen Sie mehr auf diese wunderbaren alten Karten aufmerksam , sie sind so ein großer Schatz . Vielen Dank .

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