Antonino Saliba – Maltesischer Polyhistor, Kartograph, Astronom und Philosoph des 16. Jahrhunderts

Antonino Saliba war ein maltesischer Universalgelehrter, der sich sowohl in seinen Werken als auch in seinem Umgang mit anderen stets als Malteser aus Gozo präsentiert. Seine Schaffensperiode umfasst den Zeitraum zwischen dem Ende des 16. und den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts. Obwohl die ‚nuova figura‘ eine höchst faszinierende und wertvolle Fundgrube süditalienischer Kultur im ausgehenden sechzehnten Jahrhundert verkörpert, wird sie in der gegenwärtigen Forschung nur ungenügend berücksichtigt. Anliegen dieses Blogbeitrags ist es, Salibas Weltverständnis zu erörtern und erste Impulse zur ‚nuova figura‘ aufzuzeigen. In einem ersten Abschnitt erfolgt eine Annäherung an den Autor Antonino Saliba. Hauptaugenmerk beim zweiten Abschnitt ist es, einen Überblick über die ‚nuova figura‘ zu erhalten. Anschließend widmet sich der Beitrag dem Weltbild Salibas. Im letzten Abschnitt folgt eine Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte der Karte.

Zur Vita des Antonino Saliba

In seinen Werken bezeichnet sich Saliba selbst als il magnifico Antonino Saliba Maltese dal Gozo, dottore in filosofia, teologia et in legge canonica e civile. Diese knappe Selbstbeschreibung gibt Aufschluss über seinen sozialen Status und sein Selbstverständnis und ermöglicht es, das Leben des Autors nachzuvollziehen und die Grundlagen seines Schaffens herauszuarbeiten. Ungeachtet seiner Doktortitel in Theologie, Kirchenrecht und Zivilrecht deutet diese Selbstbeschreibung darauf hin, dass er die septem artes liberales durchlaufen hat. Über den Autor Saliba lässt sich sagen, dass seine Werke ein reichhaltiges und profundes astronomisches, astrologisches, meteorologisches und mathematisches Wissen umfassen. Sein bekanntestes und ältestes Werk ist die 1582 geschaffene kartographische Zusammenschau der trans- und sublunaren Welt sowie deren Einbettung in meteorologischen Vorhersagen der ‚nuova figura‘. Einen weiteren Akzent setzt die 1586 erschienene Schrift ‚Opera Meteorologica‘, ein meteorologisches Standardwerk des späten 16. Jahrhunderts, das von den Zeitgenossen hoch gelobt wurde. Sie veranlasste den gozianischen Historiker Agius de Soldanis (1712-1770) dazu, ein Urteil über Saliba zu bilden: „Mathematicarum vera adeo excel/ens, ut parentem dixeris, non alumnum“. Das Werk, so Soldanis, sei dem 52. Großmeister Hugues Loubenx de Verdale (1531–1595) gewidmet, der ein Jugendfreund Salibas und einer seiner Förderer und Mäzene war. Eine bedeutende, aber zugleich zweifelhafte Darstellung verfasste der Kleriker Francesco Caruana Dingli (1861–1915). Sie liefert gewisse Einblicke in die Vita Salibas, benennt aber ihre Quelle(n) nicht. Darin ist erwähnt, dass Saliba dem 54. Großmeister des Malteserordens, Alof de Wignacourt (1547–1622), als Mathematiklehrer an dessen Hof diente, an dem er den Titel eines Professors und Meisters der freien Künste erlangte.

Zweifellos widmet Saliba sich in seinen Arbeiten zusehends den meteorologischen Erscheinungen. Dies wiederum verdeutlicht der Begleittext zum Widmungsschreiben der ‚nuova figura‘. Hierin wendet er sich unmittelbar an den Rezipienten mit dem Verweis auf seine langjährigen meteorologischen Studien: „delle Cose Meteorologiche, primizie de I mei lungi studia“. Er konkretisiert dies, wenn er angibt, während seiner Tätigkeit als commissario delle decime im Jahr 1572 einschlägige Forschungen in den Gebieten von Malta, Kalabrien und den Abruzzen betrieben zu haben. In diesem Sinne sei auf ein Zitat von Giuseppe Zammit verwiesen, das Salibas Persönlichkeit sowie dessen Werk treffend würdigt: „In seinem Streben nach Unsterblichkeit schrieb er über meteorologische Wirkungen und Einflüsse, ein Buch, das von der Wissenschaft wegen seiner klaren Sprache hoch gelobt wurde.“ Dasselbe gipfelt in einem Sonett, mit dem Datio Serio in der ‚nuova figura‘ Saliba für seine Studie über die Phänomene der Himmelskörper und ihre Auswirkungen auf den Menschen Tribut zollt.

Indi portasti le cagion, con quali

Hor tuona, hor lampeggia, hor fiocca, hor piova;

Et come la Cometa i raggi muove

Per dar presaggio alli futuri mali.


(Sodann hast du die Gründe dargelegt, nach denen

es bald donnert und blitzt, bald schneit und regnet,

und wie der Komet seinen Schweif bewegt,

um Kenntnis über zukünftige Übel zu geben.)

Abbildung 1: Meteorologische Details aus Salibas Weltkarte von 1582, Original: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Signatur K 3,6, Lizenz: CC BY SA 4.0

Bekannt ist, dass ein weiteres Werk Salibas unter dem Namen ‚nova accurantissimaque elementorum distinctio‘ von einem renommierten französischen Verleger gestochen und dem Erzbischof und Fürsten Wolf Dietrich von Salzburg (1559–1617) als Widmungsexemplar überreicht wurde. Saliba scheint sowohl in den aristokratischen Kreisen des Malteserordens als auch auf der europäischen Bühne eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Sicherlich hängt dies damit zusammen, dass er im Auftrag von Verdale als Abgesandter zum Vizekönig des Königreichs Sizilien, Marcantonio II. Colonna (1535–1584), gesandt wurde und am französischen Hof unter Alof de Wignacourt diente.

Im Hinblick auf den Nachnamen Saliba deutet einiges darauf hin, dass es sich um einen aristokratischen Familiennamen von der Insel Gozo nordwestlich von Malta handelt. Die Quellensituation lässt zwar keine eindeutige Zuordnung zu, doch wäre es denkbar, dass der Großvater von Antonio Saliba den Beruf des Notars ausübte und 1502 zum Richter im Assessorato des kirchlichen Gerichts von Gozo ernannt wurde. Dessen Sohn Pietro nannte seinen Sohn (also Antonino Saliba) nach seinem Vater und folgte damit der Tradition, den ersten Sohn nach dem Großvater väterlicherseits (und den zweiten Sohn nach dem Großvater mütterlicherseits) zu benennen. Spannend ist zweifellos der Hinweis, dass Antonino Saliba der erste Malteser war, der sich mit der Kartographie beschäftigte und sie auch anwandte. Kurzum, Antonino Saliba ist zu Lebzeiten ein renommierter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Astrologie, Meteorologie und Mathematik gewesen. Es ist überraschend, wie gering die Aufmerksamkeit für Saliba und seine Werke in der modernen Wissenschaft ausgefallen ist, was dazu beigetragen hat, dass sie fast in Vergessenheit geraten sind.

Die Nuova Figura di Tutte Le Case che Sono E Del Continvo Si generano Dentro La Terra E supra Neli Aere

Das wohl berühmteste Werk Salibas ist seine Weltkarte von 1582 (siehe Abbildung 2), in der er neben der Erde und ihren Regionen auch die Dreiteilung der Atmosphäre festhielt, die als Novum zu betrachten ist. Inmitten der Weltkarte erscheint die Unterwelt, deren Areale von Erde und Wasser umringt sind und in der Mitte von einer dreistufigen Lufthülle eingefasst werden. Eine Feuerkugel umhüllt das Ganze. Sämtliche aufgeführten Regionen sind koloriert, was der Karte ein lebendiges und eindrucksvolles Erscheinungsbild verleiht; überdies besteht die Karte aus einem einzigen Stück, sodass ein vertiefter Überblick die Erde und ihre Bestandteile geboten wird. Die Karte befindet sich in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (K 3,6) und trägt folgenden Titel: 

Nuova Figura di Tutte Le Case che Sono E Del Continvo Si generano Dentro La Terra E supra Neli Aere Composta Per il Magnifico Antonino Saliba Maltese Dal Gozo Dottore In Filosofia Teologia Et in Legge Canonica, E Civile A Benefitio Universale Di Coloro Che Desiderano Sapere Li Occulti Segreti Della Natura Colla Sua Dichia[razione].

Abbildung 2: Salibas Weltkarte von 1582, Original: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Signatur K 3,6, Lizenz: CC BY SA 4.0

Das Blatt misst 810 x 564 mm und ist mit einem italienischen Text von etwa 7500 Wörtern umrahmt, während die kolorierte Planisphäre eine Fläche von 547 x 564 mm einnimmt. Der Kupferstich der Karte stammt von dem Neapolitaner Mario Cartaro (1540–1620), dessen Name in der rechten unteren Ecke der Karte verzeichnet ist. Bekannt geworden ist er durch die Anfertigung von Stadtkarten Neapels. Die Planisphäre, die durch die Projektion eines Globus’ auf eine einzige Fläche entsteht, stellt die sublunare Welt im geozentrischen System konzentrischer Kreise dar, ähnlich wie zahlreiche Konzeptionen aus dem Mittelalter. 

In der edierten Fassung des ‚Codice Diplomatico del Sacro Militare Ordine Gerosolimitano Oggi Di Malta‘ existiert unter anderem eine Korrespondenz vom 3. November 1582, die von Verdale an den Vizekönig Colonna gerichtet ist, und deren Inhalt Rückschlüsse auf den Auftraggeber der ‚nuova figura‘ zulässt. Vor allem, da der Widmungstext auf der ‚nuova figura‘ inhaltlich im Wesentlichen identisch ist mit dem Briefwechsel vom 3. November 1582, der lediglich aus dem lateinischen Original ins Italienische übersetzt wurde. Sowohl im Brief wie auch im Widmungstext auf der ‚nuova figura‘ ist von den Heldentaten Marc Antonio Colonnas und den Verdiensten für die Respublica Christiana die Rede, die er 1571 in der Schlacht von Lepanto gegen die Barbaren des Ostens errungen hat. Bei näherer Betrachtung der Karte ist erkennbar, dass die verwendeten Materialien, wie Muschelgold, Honigglasur und feingewebte Leinwand, qualitativ hochwertiger und kostspieliger Natur sind und von einer einzigen Person nicht finanzierbar wären. Infolgedessen scheint es, dass der Malteserorden die Karte ‚nuova figura‘ als Schenkung an den Vizekönig Marc Antonio Colonna in Auftrag gegeben habe.

Ein einziger Blick enthüllt den Weltentwurf

Der Titel von Salibas Werk richtet sich vorrangig an das anvisierte Publikum: „Diejenigen, die etwas über die verborgenen Geheimnisse der Natur und den Zusammenbruch ihres Gefüges erfahren wollen“. Gegenstand der Weltkarte Salibas sind die Interaktion sämtlicher Teile untereinander, die wechselwirkenden Effekte dieser Bestandteile sowie mathematische Berechnungen der Erdoberfläche. Die zentrale Planetenbahn symbolisiert eine nie endende, ununterbrochene Bewegung, führt Saliba in seiner Karte aus. Diese Bewegung ist für ihn insofern von Bedeutung, als sie beispielhaft für die Vollkommenheit steht. Das Empyreum, der Lebensraum Gottes und seiner Anhänger, umgibt das gesamte Gebäude und ist so konzipiert, dass es unbeweglich ist. In seinem Werk vereint Saliba christliche Kosmologie, scholastische aristotelische Naturphilosophie sowie lateinische und altgriechische Autoren zu einer kulturellen Synthese. Im Unterschied zu den Elementen Erde, Luft, Feuer und Wasser bewegt sich der Äther nicht in einer geraden Linie auf ein Ziel zu, sondern in einer Kreisbewegung um das Zentrum. Diese Bewegung wird am besten durch die Sphäre der Fixsterne veranschaulicht, die mit vollkommener Regelmäßigkeit rotiert und daher den höchsten Grad an Vollkommenheit erreicht. Nach Saliba befindet sich die Quintaessenza in der translunaren Welt und fungiert als Bindeglied zwischen dem sublunaren und dem translunaren Bereich, die sie miteinander verbindet.

Diese Unterteilung findet sich bereits im ptolemäischen Kosmos-System, das in seiner einfachsten Form (bestehend aus neun Sphären) das ganze Mittelalter hindurch Bestand hatte und seinen visuellen Ausdruck im sogenannten Kosmos-Bild fand. Um den Kristallhimmel herum baute Saliba drei weitere Sphären, gefolgt vom Primo Mobile und dem Empyreum, und erweiterte damit die translunare Dimension. Die christliche Tradition leitet das Konzept eines Kristallhimmels oder einer Kristallsphäre aus dem Buch Genesis ab, das zwischen himmlischen und irdischen ‚Wasser(n)‘ unterscheidet. Seit dem Hochmittelalter, als das spirituelle Göttliche ursprünglich konzipiert wurde, haben solche Weltanschauungen es allmählich integriert. Was die Bewegung der Planeten anbelangt, so geht Saliba davon aus, dass sich die sieben Planeten sowie der Fixsternhimmel konzentrisch auf ihren jeweiligen Bahnen um die Erde bewegen. Dabei schildert er die translunare Welt als so etwas wie eine elfdimensionale Stufenleiter ohne einzelne oder zusammengesetzte Elemente, schwer oder leicht, heiß oder kalt, und schließlich ohne alle elementaren Eigenschaften. Mit diesem Modell gelingt ihm eine Allegorie, die von einer begrenzten Perspektive auf den Kosmos ausgeht, in der die Erde als unbewegliche Ebene im Zentrum steht und das ebenfalls unbewegliche Empyreum die wichtigste räumliche Komponente einnimmt.

Die Ausführungen Salibas versuchen, die vier Elemente (z. B. Schwerkraft, Magnetismus und das Phänomen des Lichts) als eine Matrix des Naturverständnisses zu erkennen. Im sublunaren Bereich haben die Elemente Eigenschaften wie leicht und schwer, warm oder kalt. So entsteht ein idealistisches Modell, das auf komplizierten und unnatürlichen Bewegungen beruht. Diese Elemente verwendet er in einem kosmischen Sinne, in dem Licht und Schwerkraft für die Schaffung einer kosmischen Architektur entscheidend sind. Die Vier-Elemente-Lehre des Aristoteles blieb während des gesamten arabischen und lateinischen Mittelalters die kanonische Vorstellung von der Materie. Saliba spielt offen auf diese Idee an, indem er sagt: „e secondo Aristotele“, was ihre Ursprünge offenlegt. Das Universum wird in der aristotelischen Philosophie als geistig betrachtet, als die Summe aller Formen und Strukturen. Die Bewegung der Planeten sowie das Zusammenspiel der vier Elemente sind grundlegend für Salibas Weltbild. Nach der Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts besteht alles Existierende aus Substanz, und die physikalischen Kräfte sind daher ein kraftvoller Beweis für die Erfüllung.

Saliba erklärt, dass der Globus einen Umfang von 31.500 Meilen, einen Durchmesser von 10.022 und einen Radius von 5.011 habe. Anhand von mathematischen und geometrischen Prinzipien beabsichtigt er, dem Rezipienten die Geheimnisse der Natur zu vermitteln. Die Idee, dass alle Sphären auf der Erde unterschiedliche Durchmesser haben, formuliert er mit den Worten: „il mare sia dieci volte più grande della terre“. Die Weltstruktur interpretiert er als konzentrisches Muster, in dem die verschiedenen Zonen ein Kreissegment bilden, wobei die kleinste dieser Regionen den tiefsten Punkt, das Zentrum der Erde, das Inferno, darstellt. So illustriert er die ptolemäische Vorstellung, dass das sublunare Reich aus Sphären besteht, die er mit den vier Elementen darstellt, die sich gegenseitig umkreisen. Die Kugel des Wassers ist zehnmal so groß wie die Erde selbst, weshalb er die Elemente mit dem Meer und dem Land gleichsetzt. Unverkennbar bemüht sich Saliba, sein Konzept mit Theorie und Empirie in Einklang zu bringen sowie vom religiösen Standpunkt aus zu legitimieren. Von der traditionellen Darstellung des ptolemäischen Kosmos rückte Saliba allerdings ab, indem er die Planeten, die Sonne, den Mond und die Sterne in einem Kreis, dem vorletzten, zusammenfasste und den Ring des Feuers hinzufügte. Die Erde würde sich in der Mitte befinden, die neun Himmelskugeln umgeben: die fünf Planeten, die Sonne, der Mond, die Sterne und das Primum Mobile. Diese Art der Darstellung bezieht sich auf eine ontologische Welthierarchie, die versucht, das Kognitive zu erfassen, das schließlich seinen Platz in der visuellen Form findet.

Der Naturalismus und der Bau der Weltmaschine sind Beispiele dafür, wie sich das Schöpfungswerk Gottes auf zweierlei Weise ausdrückt: indem es die Geheimnisse der Natur verständlich und offensichtlich macht und indem es sie konkret und erklärbar macht. Auf diese Art und Weise vereint Saliba eine naturphilosophische mit der theologischen Perspektive des ausgehenden 16. Jahrhunderts hinsichtlich der Dreiteilung des Universums in Himmel – Erde – Unterwelt (Exodus 20,4), die auch im Begleittext zum Ausdruck kommt. Anstelle eines mechanischen Weltbildes entsteht eine schöpferische Weltordnung eines statischen Zustandes, der ein Weltgefüge über Erde, Meer und himmlische Sphären aufrechterhält. Um die natürliche Welt zu entmystifizieren, verwendet Saliba die Metapher der machina mundi, die auf das Buch ‚De rerum natura‘ des römischen Dichters und Philosophen Titus Lucretius Carus (1. Jh. v. Chr.) zurückgeht. Durch die Verwendung dieses Systems ist es möglich, den Ursprung einer abgeleiteten Grundlage zu identifizieren, die in einem kulturspezifischen Weltbild zu finden ist, wie die Ikonographie der westlichen Kulturgeschichte zeigt. Mit der Metapher einer mechanischen Räderuhr bietet Saliba eine alternative Übersetzungsmöglichkeit für den Begriff machina mundi, der mit ‚Weltmechanik‘ oder ‚Weltlauf‘ übersetzt werden kann. Damit ändert sich unsere Sicht auf die Weltmaschine, die auf den Begriffen Maß, Zahl und Gewicht beruht, und dieser statische Rahmen verbindet sich mit den kinetischen Prozessen, die zur Verschmelzung der mechanischen und geometrischen Elemente des Universums führen. Die Regelmäßigkeit der vier Elemente (Erde, Wasser, Feuer und Luft), ihre Veränderlichkeit zueinander und die Planetenbewegung im Kosmos bilden das Universum als eine in Salibas Konzeption verankerte Essenz und riesige Weltmaschine. Die Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Erde, Himmel und Kosmos und damit das Geheimnis der Welt als Ganzes, als systema corporum, bildet den inhaltlichen Kern der Weltmaschine Salibas. Für ihn ist sie ein begrenzter geozentrischer Raum, der in zwei Bereiche unterteilt werden kann, einen translunaren und einen elementaren. Die Teilung innerhalb des Makrokosmos entspricht der Teilung zwischen den Bereichen des Intellekts und des Körpers innerhalb des Mikrokosmos, der der Mensch selbst ist. Aus dem Ziel, den Leser mit den Geheimnissen der Natur vertraut zu machen, lässt sich ableiten, dass Saliba in seinem Werk nicht mehr auf Vorkenntnisse seiner Leser angewiesen ist, sondern umfassende Erklärungen der Mysterien liefert. Ohne vom akzeptierten Dogma abzuweichen, vermittelt er dem Rezipienten die geozentrische Sichtweise der Welt, die in der Renaissance als grundlegendes Element der Naturphilosophie angesehen wurde.

Wer erforscht und liest die ‚nuova figura‘?

Eine immer wiederkehrende Frage ist, wer die Karte von Saliba gelesen hat und aus welchem Grund dies erfolgte. Insgesamt ließen sich sieben Kartographen identifizieren, die der kartographischen Struktur der ‚nuova figura‘ folgten, sich aber nicht auf Salibas Ausgabe stützten, sondern auf die neue Ausgabe von Cornelis de Jode aus dem Jahr 1593, der den Begleittext ins Lateinische übersetzte und die diagrammatische Ordnung übernahm. Die Kartographen sowie die Orte und Jahre der Veröffentlichung sind im Folgenden aufgeführt: Paul de la Houve (Paris, 1600), Jean Messager (Paris, 1640), Pierre Mariette (Paris, 1650), Gerard Jollain (Paris, 1681), Gregoire Mariette (Paris, 1696) und Ambrosius Schevenhuyse (Antwerpen, um 1705). Die erste überlieferte Version ist dem Kartographen Cornelis de Jode zuzuschreiben, der die ‚nuova figura‘ in einem leicht veränderten Format (ohne einen der neun Ringe) in lateinischer Sprache neu herausgab. Die Auflage von de Jode zeigt acht konzentrische Ringe, vom inneren Ring, der die höllischen Regionen darstellt, bis hin zu einem umlaufenden Feuerkranz, der von Dämonen, Phönixen und Salamandern bevölkert ist. Beim vierten Kreis handelt es sich um eine Hemisphärenkarte in einer Nordpolarprojektion, die von de Jodes Hemispheriu[m] Ab Aequinoctiali Linea von 1593 abgeleitet ist. Der Titel des Werkes ist „Nova Accuratissimaq[ue] Elementor[um] Distinctio Ab Antonio Saliba Maltensi d’Italice Conscripta, nunc Autem Multis in Locis Castigata Atq[ue] Latine Versa per Corn[elium] De Judaeis antuerpianum”.

Gewidmet ist das Werk „Illustrissimo Principi Serenissimo ac Reuerendissimo D[omi]no. Wolfgango Theodorico, D.[ei] G.[ratia] Archiepiscopo Salzburgensi, Apostolicae Sedis Legato, etc. D[omi]no. Suo Clementissimo“. Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich zwei Traditionen herausgebildet haben, eine französische und eine niederländische. Letztere stammt von Cornelis de Jode, und der Autor Ambrosius Schevenhuyse, der sich direkt auf de Jode bezieht, gehört zu dieser Gruppe. Die zweite Traditionslinie findet sich in Frankreich, genauer gesagt in Paris, wo sowohl Karten mit als auch ohne Begleittext in französischer Sprache zu finden sind.

Im Jahr 1593 veröffentlichte Nicolas van Aelst (1526–1613) ‚Hemelkaart met dwarsdoorsnede van de hemelsferen en Openbaringen van Johannes‘. In Anbetracht seiner Beziehungen und senatorischen Privilegien scheint es wahrscheinlich, dass van Aelsts Version eine gegenreformatorische Neuformulierung der traditionellen (orthodoxen) Lehren der Kirche war, die als konservativer Gegenentwurf zu Salibas Werk herausgegeben wurde und Innovationen der Renaissance vermissen ließ. Francesco Robacioli, über den ansonsten nichts bekannt ist, veröffentlichte im Jahr 1603 eine Karte mit dem Titel ‚Himmels- und Weltkarte‘. Hier sind erhebliche visuelle Ähnlichkeiten zu entdecken, wie z. B. die gleiche Form der Wolken, legendäre Motive von Feuersalamandern oder sogar ein Drache. Es gibt jedoch Verbindungen innerhalb des Textes, die, obwohl die Quelle nicht angegeben ist, zweifellos auf Saliba und seine ‚nuova figura‘ zurückzuführen sind. Aus diesen beiden Beispielen lässt sich schließen, dass Salibas Werk nach seiner Veröffentlichung große Aufmerksamkeit erregte, was auf seine innovative Methode der Weltbeschreibung zurückzuführen ist, aber auch auf eine ausgeklügelte Art der Integration von Wissen und Beobachtung sowie der Wissensverbreitung durch Kartierung.

Alle Erkenntnisse entstammen den Nachforschungen für die noch nicht abgeschlossene Dissertation an der Universität Kassel unter der Betreuung von Prof. Dr. Ingrid Baumgärtner mit dem Arbeitstitel: Die kosmologische figura des Antonino Saliba

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