Die Chaussee von Hannover nach Hameln – Die erste Kunststraße im norddeutschen Raum

Bis ins 18. Jahrhundert verkehrten Händler, Heere und Herrscher noch auf überwiegend unbefestigten Wegen und Straßen, wie die vormals behandelte Karte der Reiseroute des britischen Königs Georgs II. zeigt.
Im Folgenden wird wieder eine Straßenkarte aus dem niedersächsischen Raum vorgestellt. Sie entstammt dem Werk „Situations-Risse Der Neüerbaueten Chausséen des Churfürstenthums Braunschweig-Lüneburg“ des hannoverschen Generalleutnants Anton Heinrich du Plat. Diese „Situations-Risse“ sind zwar nur weniger als zwei Jahrzehnte nach der erwähnten Reiseroute erschienen, allerdings waren diese zwei Jahrzehnte für das Verkehrsnetz im norddeutschen Raum von einem grundlegenden Wandel gekennzeichnet.

Um die steigenden Ausgaben für Militär und Verwaltung finanzieren zu können, zielte die damals vorherrschende merkantilistische Wirtschaftspolitik auf die Förderung von Handel und Gewerbe. Ein funktionierendes Verkehrsnetz war eine wesentliche Voraussetzung hierfür. Jedoch waren die Heer- und Handelsstraßen in der Regel Naturstraßen, das heißt, nicht der Staat gab die Route vor, sondern die Reisenden bahnten sich ihren Weg selbst. Darüber hinaus hinterließ der Siebenjährige Krieg (1756–1763) die Straßen in einem äußerst schlechten Zustand. Erst mit der Übernahme straßenbaulicher Innovationen aus den Niederlanden, England und vor allem Frankreich wurde an den technischen Stand des Fernstraßenausbaus der Römerzeit angeknüpft. Dem Kurfürstentum Hannover fiel durch seine geographische Lage zwischen den Zentren der niederrheinischen und bergischen Textilindustrie und Handelsmetropolen wie Hamburg, Lübeck und Bremen eine besondere Rolle zu, so dass der hannoversche Kurfürst (und zugleich britischer König) Georg III. 12.000 Taler jährlich für den Straßenbau bewilligte.

Merkmale der neuen, „Chausseen“ genannten Kunststraßen sind ein tragfähiger Unterbau aus mehreren Schichten mit unterschiedlicher Gesteinskörnung sowie eine dichte Deckschicht, was die Beständigkeit der Straßen verstärkte. Die durchlässige Tragschicht begünstigte zusammen mit einer leichten Wölbung wie bei einem Damm den Abfluss von Regenwasser. Hierfür wurden in der Regel die Straßen beidseitig begleitende Entwässerungsgräben angelegt.

Die erste dieser gerade verlaufenden Kunststraßen im norddeutschen Raum wurde nun also zwischen 1764 und 1776 auf Anweisung von Georg III. durch Anton Heinrich du Plat erbaut: Dieser entstammte dem französischen Adelsgeschlecht Du Plat, dem noch weitere bedeutende Ingenieur-Kartographen in kurhannoverschen Diensten angehörten: Sein Vater Pierre Joseph war als Kartograph im Herzogtum Lauenburg tätig, sein Bruder Georg Josua tat sich als Vermesser der Kurhannoverschen Landesaufnahme hervor, sein Bruder Johann Wilhelm wurde mit der Landesvermessung des Hochstifts Osnabrück beauftragt. Als erster kurhannoverscher Straßen- und Wegebauingenieur und damit als erster Leiter einer staatlichen Straßenbauverwaltung im Raum des heutigen Niedersachsens schuf Anton Heinrich du Plat 1780 mit den „Situations-Rissen“ sein wichtigstes Werk, das neben dem Gesamtaufriss der Chaussee von Hannover nach Hameln zehn detaillierte Pläne der einzelnen Streckenabschnitte und zudem nützliche Informationen für Reisende enthält: Beschreibungen der anliegenden Orte samt historischer Hintergrundinformationen, Abfahrts- und Ankunftspläne der reitenden und der fahrenden Post, Wegegeldtarife und die Öffnungszeiten der Stadttore.

Der dargestellten Chaussee von Hannover nach Hameln folgt noch heute im Wesentlichen die Bundesstraße 217. Auch für andere heutige Bundesstraßen bilden unter der Ägide von du Plat ingenieursmäßig geplante Chausseen die Grundlage: Der ab 1765 erbauten Chaussee von Hannover über Göttingen nach Kassel folgt im heute im Wesentlichen die B 3, der Chaussee von Hannover nach Nienburg (ab 1769) die B 6. Die Chausseen des ausgehenden 18. Jahrhunderts prägen somit das Fernstraßennetz bis heute.

Literatur:

Sabine Hindelang/Peter Walther, Von der Wegbauintendance zum Landesamt für Straßenbau (1764-1989), in: Vereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure in Niedersachsen e.V. (Hrsg.), Es begann mit 12000 Talern. Geschichte des Straßenbaus in Niedersachsen, Hildesheim 1989.

Siegfried Bahll/Peter Walther, Überregionaler Straßenbau, in: Vereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure in Niedersachsen e.V. (Hrsg.), Straßenbau in Niedersachsen. 40 Jahre Vereinigung der Straßenbau- und Verkehrsingenieure in Niedersachsen e.V., Hannover 2000.

Horst W. Rakow: Der Hannoversche Chaussee-Bau im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Chaussee Nr. 48 von Uelzen nach Salzwedel, Schnega 2020 (Beiträge zur Geschichte und zur Beschreibung der Swinmark, Sonderband B 71).

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to Top