Die Weihnachtsflut von 1717 – Eine Karte zwischen Barock und Frühaufklärung

Karte der Weihnachtsflut, GWLB: Mappe IX, 10:1, Lizenz: PD
Karte der Weihnachtsflut, GWLB: Mappe IX, 10:1, Lizenz: PD

 

Vor 304 Jahren war das Weihnachtsfest in großen Teilen des heutigen Niedersachsens von einer Katastrophe überschattet, die die vorliegende Karte des Nürnberger Kartographen und Verlegers Johann Baptist Homann (1664-1724) dokumentiert. Die Karte zeigt die Nordseeküste von der niederländischen Zuiderzee bis nach Nordfriesland nach der Jahrhundertflut vom 25. Dezember 1717, aufgrund des Datums auch „Weihnachtsflut“ genannt. Die grüne Flächenkolorierung entlang der Küste visualisiert die weiten Landstriche überschwemmten Marschlandes, in denen über 10.000 Menschen den Tod fanden.

Waren andere große Sturmfluten meist eher regional begrenzt, so wütete die Weihnachtsflut von Holland bis Jütland fast überall gleich schlimm. Aber nicht nur durch ihr Ausmaß, auch durch ihren Ablauf stellte die Flut andere Katastrophen in den Schatten: Nachdem bereits vor Weihnachten starker Wind aus Südwest wehte, der sich dann an Heiligabend auf Nordwest drehte, flaute dieser zunächst ab, so dass sich die Menschen zum Anbruch der Weihnachtsnacht in Sicherheit wogen und unbesorgt ins Bett gingen. Durch einen plötzlichen Orkan stiegen die Wasserstände im Verlaufe der Nacht stark an, so war die Krummhörn bereits um 3 Uhr überflutet. Die gesamte südliche Nordseeküste litt unter Überflutungen von bis zu über 4 Metern. Durch die lange Dauer des Sturms (erst am 28. Dezember setzte eine Wetterberuhigung ein) konnte das Wasser tagelang nicht abfließen. Viele Deiche hielten der Dauerbelastung nicht stand, so wurde der die Halbinsel Butjadingen schützende Seedeich fast komplett abgetragen. Neben zahlreichen Deichbrüchen wurden viele Siele zerstört und tiefe Kolke (Ausspülungen hinter den Deichen) bildeten sich. Die unmittelbaren Folgen waren katastrophal: Tausende Todesopfer durch Ertrinken, Kälte und Entkräftung waren in den küstennahen Regionen zu beklagen, und der Viehverlust war enorm – im besonders gebeutelten Butjadingen drei Viertel des Gesamtbestandes. Auch die längerfristigen Auswirkungen waren verheerend: Der schleppende Wiederaufbau der Deiche aufgrund von Steuerausfällen und Kompetenzgerangel zwischen Landständen und Fürsten führte zu jahrelanger Salzwasserüberflutung des einst fruchtbaren Marschlandes und damit langwierigen Ernteausfällen.

 

Karte der Weihnachtsflut in anderer Handkolorierung, GWLB: Mappe IX, 10:2; Lizenz: PD

 

Bezeichnend an dieser ästhetisch überaus ansprechenden Karte ist nicht etwa die Kartendarstellung selbst: Die Topographie ist eher ungenau und veraltet, so die Darstellung der nordfriesischen Inselwelt im Zustand vor der Burchardiflut von 1634, bei der die alte Insel Strand in die späteren Inseln Nordstrand, Pellworm und die Halligen Nordstrandischmoor und Südfall zerrissen wurde. Auch in rein quantitativer Hinsicht steht bei dem Druck die Kartographie nicht im Vordergrund, die kartographische Darstellung nimmt kaum mehr als die Hälfte des Kartenbildes ein.

 

Karte von der Weihnachtsflut in einer weiteren Variante der Handkolorierung, GWLB: Mappe IX, 10:3; Lizenz: PD
Karte der Weihnachtsflut in einer weiteren Variante der Handkolorierung, GWLB: Mappe IX, 10:3; Lizenz: PD

 

Hervorstechend sind vielmehr das aus Textkartuschen, Bildern und Allegorien bestehende Beiwerk der Karte, das die Entwicklung vom Barock hin zur Frühaufklärung auf faszinierende Weise darstellt: In opulenten allegorisch-mythologischen Darstellungen werden die Naturgewalten bzw. Elemente durch Luna (Mond), Äolus (Wind), Neptun (Meer) und Kybele (Erde) symbolisiert. Eine Abkehr von rein theologischen Erklärungsmustern, die eine solche Katastrophe als göttliches Strafgericht bewerten, zeigt sich in der Verwendung eines Zitats des römischen Dichters Ovid: „Obruerit cum tot saevis Deus aecquoris undis / Ex illis mergi pars quota digna fuit?“ – „Schüttet ein Gott das Wasser über so viele dahin: allein, wer von ihnen verdient‘, darin auch zu ertrinken?“. Homann sieht also die göttliche Gewalt eher als willkürlich und unverhältnismäßig denn als gerechte Strafe an. Auch in der linken Textkartusche wird Ovid als Kronzeuge für die Sturmflut als unglückliches Schicksal aufgegriffen; die rechte Textkartusche enthält einen Ereignisbericht mit Opferzahlen. Dass der Mensch aber durchaus fähig ist, sich diesem Schicksal entgegenzustellen, zeigt Homann durch die Darstellungen der technischen Einrichtungen des Küstenschutzes: Deich- und Sielbauten. Tatsächlich hatte die Flut zur Folge, dass in den folgenden Jahren durch die Einrichtung eines Deichdirektoriums die Deichorganisation zentralisiert wurde und das Küsteningenieurwesen neue Fortschritte erzielte.

Das Zusammenspiel von Karte und bildlichem Beiwerk ließ die Katastrophe begreiflicher als jeder Bericht werden; und das rasche Erscheinen des Erstdrucks bereits im Februar 1718 verdeutlicht das besondere Bedürfnis nach einer zeitnahen bildlichen Veranschaulichung des Ereignisses, zu einem Zeitpunkt, zu dem in entfernteren Teilen des deutschsprachigen Raums nur wenige Berichte vorlagen. Homanns Karte trug also dazu bei, dass die Weihnachtsflut die erste Sturmflut war, die eine überregionale Betroffenheit und auch Hilfsbereitschaft ausgelöst hat. Zudem ist diese Karte Ausdrucksmittel sowohl theologisch-philosophischer Betrachtungsweisen als auch naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnisse und bringt sich insbesondere durch ihr Beiwerk in den intellektuellen Diskurs der Zeit ein.

 

Weiterführende Literatur:

  • Kirsten Hoffmann: Jahrhundertflut am Weihnachtsfest. Die Nordsee verwüstet die Küstenregionen. In: Geschichte Niedersachsens in 111 Dokumenten. Hrsg. von Christine van den Heuvel, Gerd Steinwascher und Brage Bei der Wieden, Göttingen 2017.
  • Michael Clemens, Michael Remmers: 1717. Die verheerende Weihnachtsflut; 1717. Der schwere Sturm hielt Tage an. In: 300 Jahre Weihnachtsflut. Die verheerende Sturmflut von 1717 kam in der Christ-Nacht, Oldenburg 2017 (Das Land der Friesen, 3).


Lizenz: CC BY SA 4.0

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